Disidentifikation

Unter Disidentifikation oder Entidentifikation wird häufig das loslassen von Identifikationen mit Bewusstseinsinhalten (Objekten) verstanden.


Auch wird unterschieden zwischen dem Wahrnehmenden, dem Beobachter und dem Beobachteten. Natürlich ist diese Aufteilung, wenn auch hilfreich, ein Konstrukt. Damit diese Unterteilung überhaupt möglich ist, braucht es das Raum-Zeit-Konzept als zusätzliche Komponente. All diese Komponenten bedingen einander, denn der Beobachter erscheint mit dem Beobachteten und vergeht auch wieder mit ihm. Das heißt, auch mit jeder Beobachtung erscheint ein »neuer« Beobachter, ein »neues« Ich usw. Wenn es kein Objekt der Wahrnehmung gibt, gibt es keinen Wahrnehmenden, ohne Wissen auch keinen Wissenden, Erkennenden usw. Deshalb könnte man auch sagen, es gibt weder den Wahrnehmenden, noch den Beobachter noch das Beobachtete, denn alles ist im Grunde ein nahtloses Ganzes. Auch könnte man formulieren, es gibt nur Wahrnehmung, ohne die Aufteilungen, oder alles besteht aus der gleichen Substanz (z.B. Bewusstsein), wenn es sowas hätte wie eine Substanz. Man darf bei dem Thema Bewusstsein auch nicht vergessen, dass selbst Bewusstsein eine Form der Dualität ist, weil Bewusstsein sich seiner selbst bewusst sein kann. Die eigentliche Quelle von allem liegt »jenseits« davon.

DisidentifikationDas nahtlose Ganze kann nur mit Worten umschrieben werden, es kann weder durch begriffliche Sprache exakt formuliert werden, noch kann es durch Gedanken gedacht werden, denn jede »Darstellungsweise« macht es wiederum zu einer Wahrnehmung, zu einem Objekt der Wahrnehmung, zu einem Konstrukt. Aber was bleibt schriftlich übrig. Aber, wie gesagt, können diese Unterscheidungen für die Disidentifikation nützlich sein, weil sie Konzepte, fixe Ideen Vorstellungen zum Zusammenstürzen bringen können. Zu den häufig verwendeten Frage-Übungen zur Disidentifikation, die man öfters findet, ein paar Anmerkungen:

Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper

Der Körper ist erstmal ein Objekt der Wahrnehmung, welches wie jedes Objekt einen Wahrnehmenden bedingt. Die Körperwahrnehmung selbst lässt sich unterteilen in Empfindungen und weiteren sensorischen Eindrücken, sowie Erinnerungen und Vorstellungen. Aus diesen einzelnen Teilen bauen wir uns unser Körperbild, so dass es wie ein zusammenhängendes Ganzes wirkt. In dem wir uns mit dem Körper gleichsetzen, entsteht eine Identifikation. Das scheinbare Subjekt (ich), welches sich mit dem Körper identifiziert ist selbst ein Objekt, weshalb es weder der Körper als Identität sein kann, noch ihn besitzen kann.

Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle

Gefühle, wie auch ihre einzelnen Benennungen (Liebe, Wut, Trauer, etc.) sind ebenfalls zusammengesetzte Konstrukte. Das Gefühl von Ärger, besteht aus verschiedenen sich bewegenden Empfindungen, welches erst zu Ärger wird, wenn ich gelernt habe es zu interpretieren. Ich versehe die Empfindungen also mit Bedeutung und Wert. Gibt es ein Problem mit Empfindungen oder sind es nicht viel mehr die Interpretationen, mit denen ich dieses Gefühl deute? Auch mit Gefühlen kann ich mich wie mit jedem anderen Objekt der Wahrnehmung (z.B. Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen) identifizieren. Gefühle, der Körper, wie auch jedes andere Objekt, erscheinen als Ganzes im Bewusstsein die virtuell in ein Subjekt und Objekt aufgeteilt werden.

Ich habe einen Verstand, aber ich bin nicht mein Verstand

So etwas wie ein Verstand lässt sich nicht finden, sondern ist eher eine Schlussfolgerung. Wir erleben Gedanke für Gedanke mit zeitlosen Lücken dazwischen. Jeweils der einzelne Folgegedanke informiert uns über die Zusammenhänge.

Genau genommen nimmt man immer nur eine Wahrnehmung nach der anderen wahr, und diese Wahrnehmung ist nur scheinbar selektiv auf einzelne Objekte gerichtet. Wir erleben also nicht erst einen Gedanken, dann eine Empfindung und danach hören wir eine Stimme, riechen anschließend einen Duft und sehen uns dabei vielleicht eine Blume an. Das Ganze ist immer in eine zusammenhängende Gestalt. Wie wenn wir auf ein großes Bild mit vielen Details schauen, aber nur auf einen bestimmten Bereich fokussiert sind. Bestimmte Bereiche davon sehen wir als Innen (Gedanke, Empfindung) und andere als Außen an (Stimme, Blume, Duft). Das Innen gehört zu mir und das Außen gehört nicht zu mir, ist also nicht »mein«. Doch bei genauerer Untersuchung (mittels unserer Erfahrung) gibt es dieses Innen und Außen nicht, sondern sind genauso eine Schlussfolgerung wie es mit dem Verstand, dem Körper oder den Gefühlen passiert. Auf diese Schlussfolgerung Körper/Verstand projizieren wir die Ich-Empfindungen, das Gefühl dazu sein, existent/vorhanden zu sein, welches eigentlich die Natur des Bewusstseins ist, dies macht es so real. Man könnte nun diese Fragen auch so formulieren, »ich bin weder mein Verstand noch gibt es einen Verstand«, sondern es ist das Bewusstsein, so wie alles andere auch. Für dieses Bewusstsein gibt es weder ein Innen noch Außen, geschweige denn ein ich und du.

3 Kommentare

  1. Frage: Was bleibt noch als unerschütterliches Sein, das allen Turbulenzen des Denkens und Fühlens widersteht – aber nein, Widerstand behindert ja den Energiefluss – also besser: was bleibt denn als sicherer Hafen für das, was mein eigentliches Wesen ausmacht? Dieses Wesen oder wie auch immer man es bezeichnen will, muss es ja geben, sonst wäre ich ja nur ein Automat oder Roboter ohne Bewusstheit. Was ist diese eigentlich unbeschreibbare Wesen, das mich eigentlich ausmacht, die Stelle, an der es nicht mehr tiefer (oder höher oder weiter) geht? Ist es dort, wo alles Fragen aufhört? Dort, wo die ewige Stille beginnt oder das Nichts oder das Alles? Das Schwierige ist ja eben, dass ich das Eigentliche nicht mehr beschreiben kann, sondern mich dem eigentlichen Wesen nur mit Worten oder Gedanken nähern kann, ohne es je zu berühren. Vielleicht ist dies das Geheimnis der Trennung, dass wir eben diese letzte Trennung nicht überwinden können, ohne das große Loslassen. Damit lassen wir dann auch das Verlangen los, die Trennung überwinden zu wollen. Und damit sind wir wieder ganz im Hier und Jetzt, ohne irgendeinen Widerstand oder ein Verlangen. Vielleicht begegnen sich an diesem Punkt Augenblick und Ewigkeit, Sein und Nicht-Sein gehen ineinander über und alle Widersprüche lösen sich auf im Großen Ganzen, das aber wie gesagt nicht beschreibbar ist. Die eigentliche Hingabe bedeutet dann auch, die Frage offen zu lassen, wo unser eigentlicher Ursprung ist, was unser eigentliches Wesen ist, jenseits von allem Verstehen, jedoch mit einem Hauch von Ahnung, die dann vielleicht der Wirklichkeit am nächsten kommt. Dann beendet ein großes inneres Lachen meine Gedankenschleifen mit der letzten aller Fragen: was ist denn Wirklichkeit?????

    1. Wie Du schon schreibst, taugen Worte immer nur bedingt, bestenfalls als Fingerzeig auf etwas, was sich nicht beschreiben lässt. Deswegen werden oft Metapher oder philosophische Sprüche verwendet.
      Dieser Artikel beruht ja auf der Untersuchung mittels der direkten Erfahrung des eigenen Erlebens, möglichst ohne Interpretationen. »Mein Körper« ist wie geschrieben eine Interpretation, weil ich hier schon aus den einzelnen Fragmenten aus Empfindungen und Gedanken eine Schlussfolgerung ziehe: Ich habe einen Körper oder gar, ich bin mein Körper. Ich halte mich also für ein Objekt meiner Wahrnehmung (wie könnte das sein?). Bei genauerer Untersuchung kannst du sogar entdecken, dass du ein »ich« (Subjekt) davor schaltest, was selbst ein Objekt der Wahrnehmung ist, was mein eigentliches ich auch nicht sein kann. Solche Untersuchungen werden immer feiner und schreiten voran, weil sich mehr und mehr Schlussfolgerungen aufheben. Die Unterscheidung was tatsächlich erfahren wird, statt eine Schlussfolgerung und die Unterscheidung was ich nicht bin, lässt letztlich nichts übrig, außer dass ich Nichts (aber kein Objekt aus dem Nichts machen) bin oder eben alles, das Ganze (was auch kein Objekt ist). Diese Art der Selbsterforschung untersucht also ganz subjektiv die Subjektivität. Dies geschieht jedoch aus der Perspektive eines separaten Individuums, was es laut des Artikels nicht gibt, aber anders selten nachvollziehbar wäre.

      Man kann die Fragen nun beantworten, was auch noch folgt, doch sie werden in der Regel wenig nützen, wenn Du es selbst nicht mit einer intensiven Haltung (nicht verbal), von »was bin ich« untersuchst, also ernsthaft in Erwägung ziehst, dass nicht alles so sein kann, wie es Dir scheinbar vorkommt. Auch ist es wichtig sich dadurch nicht noch weiter in komplexe spirituelle Philosophien zu verstricken, sondern ganz fein mittels des eigenen Erlebens die Dinge zu überprüfen.

      Wenn sich die letztendliche Wirklichkeit (es gibt keine mehrere Wirklichkeiten) außerhalb von Raum und Zeit befindet, und somit auch keine Wahrnehmung oder ein Wesen gibt (wo sollte ohne Ort, ein Wesen sein?) lässt sich dazu nicht viel sagen. Was den »sicheren Hafen« oder »Automat oder Roboter« angeht, schon eher. Alle Deine Wahrnehmungen ändern sich, Du nennst es Turbulenzen. Was stets innerhalb des Bewusstseins eine Konstante ist, ist das »Gefühl« der Existenz, des Daseins, des Vorhandenseins. Halte Dich daran, untersuche es.
      Wenn es um das Thema »Automat oder Roboter« angeht, geht es auch um Willensfreiheit oder Wahlfreiheit, sprich dem freien Willen eines separaten Individuums, der Person. Hat eine Wahrnehmung einen freien Willen? Hat Deine Interpretation von Körper-Geist, welche Objekte in Deinem Bewusstsein sind einen freien Willen? Wenn Du das untersuchst, zu welchem Schluss kommst Du? Sicher, wenn Du dich mit diesen Wahrnehmungen identifizierst, also gleichsetzt, Dich für diese Person Martin hältst, klingen diese Aussagen bedrohlich, und sollten deshalb differenziert gemacht werden. Die eingebildete Person, mit der wir uns identifizieren, kann keinen freien Willen haben, wie auch. Für das Bewusstsein, welche alle Erscheinungen hervorbringt, stellt sich die Frage nicht, oder wenn Du magst, es hat alle Freiheit.

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